Heiligenwalde - vor 1945

Die aus dem 14. Jahrhundert stammende Ordenskirche Heiligenwalde, ein Bau aus Feld- und Ziegelsteinen

Heiligenwalde wurde 1344 gegründet und war ein kleiner beschaulicher Ort, ca. 22 km östlich von Königsberg  Richtung Tapiau gelegen.  Es war ein typisches deutsches Dorf mit einer sorgfältigen Einstellung der Längsrichtungen nach Ost und West . Es besteht eine doppelte Gehöftreihe im Süden
und im Norden des langgezogenen Dorfes, zwischen den beiden Gehöftreihen liegt ein Geländestreifen, auf dem sich die Kirche nebst Friedhof und auch die  Schule befinden.

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Heiligenwalde

In unmittelbarer Nähe des Dorfes führte die Reichsstraße 1 vorbei, die eine Länge von ca. 1400 km hatte und sich von Aachen über Berlin und Königsberg bis an die damalige deutsch/litauische Grenze  erstreckte.
Im Jahre 1939 hatte Heiligenwalde ca. 716 Einwohner (1910 waren es 522 Einw.). Der Ort hatte dank seiner Kirche und  der eigenen Schule ein recht großes Einzugsgebiet. So gehörten zum Kirchspiel Heiligenwalde unter anderem die Orte Oblitten,  Pogauen, Possindern, Rogahnen und Willkühnen.
Das für damalige Zeiten kleine Einkaufsparadies verfügte neben einer Bäckerei, noch über  zwei Kolonialwarengeschäfte, zwei Dorfkrüge, ein Geschäft für Kurzwaren, eine Fleischerei  , eine Schmiede , eine Tischlerei  und einen Schumacher.
Ich erinnere mich noch genau daran, dass mir meine Eltern zu meiner Einschulung extra ein Paar Schuhe bei dem hiesigen Schuhmachermeister Sperrlich  anfertigen ließen. – Auch spüre ich heute noch den Duft der frischgebackenen, warmen Brötchen aus der Bäckerei in meiner Nase.
Jedoch der größte Teil der Einwohner bestritt seinen Lebensunterhalt durch Land- und Viehwirtschaft.

Meine Eltern bewirtschafteten in Heiligenwalde einen Hof mit 400 Morgen Land (1 preußischer Morgen = 0,255322 Hektar = 2.553,22 qm), der ein anerkannter Zucht- und Lehrbetrieb war. Sie hatten 30 Milchkühe und 12 Pferde, sowie viele Schafe, Schweine, Hühner,  Gänse und weitere Kleintiere. Folgedessen ging es immer hoch her auf dem Gehöft.
Nach getaner Arbeit gingen die Herren gern in das Gasthaus, um sich beim Skatspiel in geselliger Runde die Zeit zu vertreiben.

Mein Bruder hat mich auf ein Schaf gesetzt

Wir Kinder freuten uns, wenn wir zum Pregel gehen durften, auch  hier tobten wir uns richtig aus und  hatten  beim Schwimmen unser Vergnügen. Die Sommer waren in Ostpreußen immer wunderbar warm.

Badefreuden im Pregel

Die Winter waren bekanntermaßen zu damaliger Zeit immer lang und hart. Einen Winter ohne Schnee kannten wir dort nicht. So machte es besonders viel Spaß, wenn mein Vater dann seinen Pferdeschlitten anspannte, um uns Kinder auf die dahinter  angebundenen Schlitten durch den tiefen glitzernden und knirschenden Schnee zu kutschieren. Viele Kinder des Ortes haben ihre Schlitten ebenfalls hinten angebunden, um sich dann von dem Pferdeschlitten ziehen zu lassen. Es war ein Vergnügen ganz besonderer Art.

Meine beiden Brüder und Besuch aus Königsberg
ca.1940

Ich auf dem Schlitten in Heiligenwalde

Anhaltende Westwinde hatten das Wasser des Pregels oft aufstauen lassen, so dass demzufolge die angrenzenden Wiesen überschwemmt wurden. Obwohl der Pregel ca. 2 km  von Heiligenwalde entfernt war,  kam das Wasser bei Überschwemmungen unserem Haus dennoch oft bedenklich nahe.  Diese Gelegenheit nahmen wir Kinder dann wahr – besonders mein ältester Bruder, der 1930 geboren worden ist -  um  mit einem zum Boot umfunktionierten Schweinetrog durch die überschwemmten Wiesen zu fahren. Sicher lag auch ein besonderer Reiz darin, dass wir hierfür nicht die Genehmigung unserer Eltern hatten. Allerdings ist es auch vorgekommen, dass wir gekentert sind und  dann  reumütig und nass nach Hause zurückkehrten. Zum Glück hatte  dieser Leichtsinn nie ernsthafte Folgen.
Überhaupt hatten wir Kinder auf dem väterlichen Bauernhof immer sehr viel Spaß. Langeweile kam nie auf. Außer meinen 3 Brüdern und mir tummelten sich häufig viele Nachbarkinder auf dem Gehöft, die Königsberger Verwandtschaft verweilte grundsätzlich in den Ferien bei uns. Besonders für die Großstädter war es immer ein besonderes  Ereignis, wenn mein Vater diese auf ein Pferd  setzte und sie dann reiten durften. Auch war es für uns Kinder besonders reizvoll, wenn wir bei der  Heuernte „behilflich“ sein durften. Wir durften dann auf dem mit Heu voll beladenen Leiterwagen ganz oben auf dem Heu Platz nehmen, um dann nach Hause kutschiert zu werden (heute wäre das infolge der Automassen undenkbar ). 

Mein Bruder an den Zügeln eines unserer Pferde

Mein älterer Bruder hatte auf dem Spitzdach unserer Scheune ein Wagenrad befestigt in der Hoffnung, dass hier ein Storchenpaar ein Nest baut. Ich erinnere mich noch genau daran, wie sehr er sich dann freute, als dieses tatsächlich geschah. Wir konnten dann jährlich dieses Storchenpaar immer wieder begrüßen und bestaunen. Das Klappern der Schnäbel klang wie Musik in den Ohren.

 

 

Mein Elternhaus war in Ostpreußen ein Paradies für uns Kinder. Dank der Großherzigkeit meiner Eltern haben wir in Heiligenwalde bis zur Flucht eine wunderbare Kindheit gehabt.

 

Meine Großmutter am Spinnrad in Heiligenwalde

Schulklasse in Heiligenwalde, 1941

angespannter Pferdewagen bei uns, der den Besuch zum Bahnhof bringt

Wir Kinder spielen auf unserem Hof ca. 1939